Start with Why: Purpose-Workshop bei LIZ
Den eigenen Purpose nicht zu kennen, ist kein Marketingproblem, sondern ein Führungsproblem. Ein Werkstattbericht aus zwei Tagen Paulinenhof, in denen Lichtvision mit Gilmar Wendt seinen Golden Circle nach Simon Sinek entwickelt hat, und warum ich diesen Workshop nicht selbst moderiert habe.

Ein Werkstattbericht aus der anderen Hälfte meiner Arbeit
Ich schreibe hier normalerweise über Coaching. Dieser Beitrag handelt von meiner anderen Rolle: dem Business Development bei Lichtvision, dem Lichtplanungsbüro, das ich 1997 mitgegründet habe. Die beiden Welten hängen enger zusammen, als man denkt, und genau darum geht es in diesem Artikel.
Warum ein Purpose-Workshop?
Ende Januar 2026 haben wir uns mit dem zukünftigen Leadership Team von Lichtvision für zwei Tage im Paulinenhof in Bad Belzig zurückgezogen. Der Anlass: Lichtvision existiert seit fast 30 Jahren. Das Unternehmen ist gewachsen, sechs Standorte weltweit, Projekte vom Pergamon Museum bis nach Shanghai. Aber genau in solchen Phasen stellt sich eine Frage, die leicht in den Hintergrund gerät: Warum tun wir, was wir tun?
Simon Sinek hat in seinem Buch Start with Why eine Beobachtung beschrieben, die ich im Unternehmensalltag immer wieder bestätigt sehe: Die meisten Unternehmen können klar benennen, was sie tun. Viele können erklären, wie sie es tun, ihre Methoden, ihre Prozesse, ihre Differenzierung. Aber nur wenige können präzise formulieren, warum sie es tun. Und dieses Warum, der Purpose, ist das, was Menschen anzieht, was Entscheidungen in unsicheren Situationen leitet und was ein Team zusammenhält, wenn es schwierig wird.
Sineks Modell des Golden Circle, Why im Kern, dann How, dann What, ist bestechend einfach. Aber die praktische Arbeit daran ist alles andere als einfach. Man kann einen Purpose nicht am Schreibtisch formulieren. Man muss ihn gemeinsam erarbeiten. Und zwar mit den Menschen, die ihn leben sollen.
Warum ich nicht selbst moderiert habe
Hier kommt die Verbindung zu meiner Coaching-Arbeit. Als systemischer Coach weiß ich: Ich kann in Systemen, in denen ich selbst beteiligt bin, nicht coachen. Das ist keine theoretische Einschränkung, es ist eine fundamentale Regel. Wer Teil des Systems ist, hat eigene Interessen, blinde Flecken und emotionale Verstrickungen. Man kann nicht gleichzeitig Teilnehmer und neutraler Prozessbegleiter sein.
Bei Lichtvision bin ich nicht neutral. Ich bin Co-Founder, ich habe das Unternehmen mitaufgebaut, ich habe eine emotionale Verbindung zu seiner Geschichte und eine Meinung über seine Zukunft. All das disqualifiziert mich als Moderator eines Workshops, in dem es um den gemeinsamen Purpose geht. Methodisch könnte ich das, die Ergebnisse wären trotzdem verzerrt.
Also habe ich mir Unterstützung geholt.
Gilmar Wendt und die Kunst, zum Warum zu kommen
Gilmar Wendt ist Gründer und Chief Strategist von GW+Co, einer preisgekrönten Strategieberatung in London, die sich auf Business Transformation durch Collaborative Design spezialisiert. Ich kenne Gilmar seit meiner Zeit bei der Zumtobel AG, er hat dort bereits beeindruckende Arbeit geleistet. Zu seinen Klienten zählen Unternehmen wie Yale und PayPal.
Was Gilmar auszeichnet, ist sein methodischer Ansatz: Er kommt nicht mit fertigen Antworten, sondern mit einem strukturierten Prozess, der die Antworten aus dem Team herausarbeitet. Er bringt Menschen aus verschiedenen Funktionen und Hierarchieebenen zusammen und schafft einen Rahmen, in dem ehrliche Gespräche über Identität, Richtung und Ambition möglich werden. Genau das, was ein Purpose-Workshop braucht.
Zwei Tage im Paulinenhof
Der Paulinenhof in Bad Belzig, ein historischer Vierseithof, 45 Minuten von Berlin, war bewusst gewählt. Weg vom Büro, weg von der Tagesroutine, rein in einen Raum, der Konzentration und Offenheit ermöglicht.
Die Teilnehmer waren das zukünftige Leadership Team von Lichtvision, die Generation, die das Unternehmen in den nächsten Jahrzehnten führen wird. Es ging bewusst nicht nur um die Gründer oder das aktuelle Management. Es ging darum, dass die Menschen, die die Zukunft gestalten werden, auch den Purpose mitdefinieren.
Über zwei Tage haben wir gemeinsam erarbeitet:
Purpose, Warum existiert Lichtvision? Nicht die Dienstleistung, nicht die Projekte, sondern der tiefere Antrieb. Was treibt uns an, jeden Morgen aufzustehen und Räume mit Licht zu gestalten? Was wäre verloren, wenn es Lichtvision nicht gäbe?
Mission, Was tun wir konkret? Die Übersetzung des Purpose in handlungsorientierte Aussagen. Was liefern wir, für wen, und wie unterscheiden wir uns?
Vision, Wohin wollen wir? Das Bild der Zukunft. Wo steht Lichtvision in fünf, in zehn Jahren? Nicht als Umsatzziel, sondern als Beschreibung dessen, was wir erreicht haben wollen.
Aus Purpose, Mission und Vision haben wir dann konkrete Handlungsstränge abgeleitet, Maßnahmen und Projekte, die die strategische Richtung in operative Realität übersetzen.
Was ich aus der Doppelrolle lerne
Dieser Workshop hat mir wieder gezeigt, warum die Doppelrolle, Coach und Business-Development-Leiter, kein Widerspruch ist, sondern sich gegenseitig bereichert.
Als Coach bringe ich die Überzeugung mit, dass nachhaltige Ergebnisse nur entstehen, wenn Menschen beteiligt werden. Dass ein Purpose, der von oben verordnet wird, nicht gelebt wird. Dass die Methode wichtiger ist als die Meinung des Moderators. All das hat den Workshop bei Lichtvision besser gemacht: Ich wusste, wie ein guter Prozess aussehen muss, und habe den richtigen Experten dafür geholt, statt selbst zu moderieren.
Als Business-Development-Leiter bei Lichtvision bringe ich umgekehrt die Erfahrung mit, die mein Coaching fundiert: Ich weiß, wie es sich anfühlt, ein Unternehmen aufzubauen, durch Krisen zu navigieren, ein Team über Jahrzehnte zusammenzuhalten. Ich weiß, was Purpose in der Praxis bedeutet, und was passiert, wenn er fehlt.
Simon Sinek sagt: People don't buy what you do, they buy why you do it. Das gilt nicht nur für Kunden. Es gilt für Mitarbeitende, für Partner, für das eigene Leadership Team. Und es gilt für die Frage, warum jemand morgens aufsteht und zur Arbeit geht, ob bei Lichtvision oder in jeder anderen Organisation.
Den eigenen Purpose zu kennen, ist keine Marketing-Übung. Es ist Führungsarbeit.
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