Mein Weg zum Coaching: Probleme nicht stehlen
830 Kilometer auf dem Jakobsweg und ein Satz einer niederländischen Pilgerin („Du sollst auch nicht die Probleme anderer stehlen") haben meinen Blick auf Führung und Hilfe verändert. Warum gute Führung heißt, das Problem beim Gegenüber zu lassen.

Ein Jahreswechsel ist immer ein Moment des Innehaltens. Wenn ich heute auf mein Leben blicke, fühlt es sich anders an als noch vor drei Jahren.
Bis 2023 war mein Leben geprägt von Bewegung, allerdings der physischen Art. Gut zehn Jahre lang pendelte ich zwischen meinem Wohnort und Arbeitsplätzen, die alle eines gemeinsam hatten: Sie waren nicht um die Ecke. Eindhoven, Seoul, Dornbirn, Villingen-Schwenningen. Ich habe diese Aufgaben geschätzt: die Komplexität, die Verantwortung, die Möglichkeit, Dinge wirklich zu gestalten. Aber ich zahlte einen Preis. Lebensqualität blieb auf den Autobahnen und in den Abflughallen dieser Welt liegen. Mir wurde klar: Ich will weiter etwas in Bewegung bringen, aber nicht mehr nur mich selbst von A nach B.
830 Kilometer bis zur Erkenntnis
Um herauszufinden, wie das nächste Kapitel aussehen sollte, tauschte ich den Anzug gegen den Wanderrucksack. Ich lief den Jakobsweg. Von St. Jean Pied de Port über Santiago de Compostela bis nach Finisterre, ans sprichwörtliche Ende der Welt. 830 Kilometer, die meinen Blick auf Führung und Hilfe verändert haben.
Auf dem Weg merkte ich schnell, was mich wirklich trägt: der tiefe, ehrliche Austausch mit Menschen. Ich wollte helfen. Aber ich musste erst lernen, wie man richtig hilft.
Die Lektion einer niederländischen Pilgerin
Es gab diesen einen Abend, der vieles verschoben hat. Ich hatte mich, wie so oft, um die Organisation des Abendessens für unsere Pilgergruppe gekümmert. Zwei Mitstreiter fanden das Restaurant nicht, trotz Adresse und GPS-Standort. Ich war unruhig, wollte loslaufen, sie suchen, das Problem lösen.
Eine niederländische Pilgerin beobachtete mich, nahm mich beiseite und fragte:
„Wir sind doch auf einem religiösen Weg, oder?"
Ich bejahte irritiert.
„Und du kennst die Zehn Gebote?"
Wieder ein Ja. Was sie dann sagte, sitzt bis heute tief:
„Ein Gebot lautet: Du sollst nicht stehlen. Und du sollst auch nicht die Probleme anderer stehlen. Es sind schließlich ihre."
Führung bedeutet, das Problem beim Gegenüber zu lassen
In diesem Moment fiel mir etwas auf, das ich vorher nicht hatte sehen wollen. Mein ganzes Berufsleben lang hatte ich häufig „Probleme gestohlen". Ich hatte Lösungen präsentiert, statt Menschen zu befähigen, ihre eigenen zu finden. Das war effizient. Es fühlte sich kompetent an. Und es war im Kern eine subtile Form von Bequemlichkeit, meiner Bequemlichkeit. Wer das Problem übernimmt, behält die Kontrolle. Wer es lässt, muss es aushalten.
Die Pilgerin hatte einen wunden Punkt benannt, ohne ihn zu kommentieren. Genau das habe ich später als zentrales Prinzip im Coaching wiedergefunden: Eine gute Frage öffnet einen Raum. Sie liefert keine Antwort.
Vom Macher zum Begleiter
Zurück in der Heimat meldete ich mich zur Coaching-Ausbildung an. Was wie ein logischer nächster Schritt klingt, war in Wahrheit eine längere Auseinandersetzung mit alten Reflexen. Operative Führung hatte mich darauf trainiert, Probleme schnell zu lösen. Coaching verlangt das Gegenteil: aushalten, dass ein Klient eine Lösung selbst findet, auch wenn sie länger braucht oder anders ausfällt, als ich sie gewählt hätte. Diesen Wechsel habe ich an anderer Stelle ausführlicher beschrieben; er war für mich persönlich der schwierigere Teil der Ausbildung.
Heute sehe ich den Satz vom Jakobsweg als kleines Leitmotiv meiner Arbeit. Ich coache Führungskräfte, die unter Druck stehen, in komplexen Situationen, mit echten Konsequenzen. Es wäre verlockend, ihnen schnell Antworten anzubieten. Aber die Antworten, die wirklich tragen, kommen fast nie von außen. Sie liegen schon im Klienten, und meine Aufgabe ist es, ihm zu helfen, sie zu hören.
Ohne sie ihm zu stehlen.

Weiterführendes
- European Coaching Association (ECA) – Mein Berufsverband; Standards und Ethikrichtlinien für Coaches.
Häufige Fragen
- Was bedeutet „Probleme stehlen" in der Führung?
- Probleme zu stehlen heißt, anderen Menschen ihre Aufgaben und Lösungen abzunehmen, statt sie zu befähigen, eigene Antworten zu finden. Das wirkt im Moment hilfreich, schwächt aber langfristig die Eigenverantwortung und Entwicklung des Gegenübers. Gute Führung und gutes Coaching lassen das Problem – und damit die Lösungskompetenz – beim Gegenüber.
- Wie hat der Jakobsweg den Blick auf Coaching verändert?
- Auf dem Weg von St. Jean Pied de Port nach Finisterre wurde deutlich: Tiefer Austausch entsteht nicht durch fertige Lösungen, sondern durch echtes Zuhören. Eine niederländische Pilgerin formulierte den entscheidenden Satz: „Du sollst auch nicht die Probleme anderer stehlen." Diese Erkenntnis wurde zum Fundament meiner Coaching-Praxis.
- Warum reicht reine Führungserfahrung nicht aus, um zu coachen?
- Operative Führung trainiert das schnelle Lösen von Problemen. Coaching verlangt das Gegenteil: einen Raum zu öffnen, in dem Menschen ihre eigenen Lösungen entwickeln. Der Weg vom Macher zum Begleiter ist eine eigene Lernaufgabe – sie verlangt das bewusste Verlernen alter Reflexe und eine fundierte Coaching-Ausbildung.
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