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    Coaching-Ausbildung: Warum zweimal lohnt

    Wissen ist nicht Können. Eine erste Coaching-Ausbildung schenkt das Modell, eine zweite das Vertrauen, ihm zu folgen. Die vier Stufen des Lernens nach Noel Burch erklären, warum es zwei Anläufe braucht, vom unbewussten Reflex bis zur bewussten Tiefe.

    Bleistiftzeichnung: Vier Männer auf einer Treppe mit vier Stufen – stehend und nach oben blickend, lesend, jonglierend auf einem Seil, oben angekommen mit ausgebreiteten Armen.
    Die vier Stufen des Lernens (Noel Burch). Von unbewusster Inkompetenz bis zur unbewussten Kompetenz.
    Februar 20266 Min. Lesezeit

    Über den Unterschied zwischen Wissen und Können, und warum ich durch die vier Stufen des Lernens gegangen bin

    Im Jahr 2022 habe ich an der Coaching Akademie Berlin meine Ausbildung zum systemischen Business- und Personal-Coach abgeschlossen. Es war eine intensive Zeit. Ich habe viel gelernt, viel reflektiert, viel Wissen angeeignet. Am Ende der Ausbildung hatte ich ein Zertifikat, eine Sammlung erprobter Methoden und die Überzeugung, nun coachen zu können.

    Dann habe ich angefangen zu coachen.

    Und ich habe gemerkt: Ich kann es nicht wirklich.

    Warum eine Coaching-Ausbildung allein nicht reicht

    Die Ausbildung umfasste etwa 20 verschiedene Coaching-Interventionen, von rationaleren Techniken wie Timeline-Arbeit und dem Wheel of Life über systemische Fragen, Perspektivwechsel und Aufstellungsformate bis hin zu Parts-Work, Hypnocoaching und EFT. Ich hatte sie alle kennengelernt, hatte sie im geschützten Rahmen der Ausbildung ausprobiert. Die Abschlussprüfung war ein Live-Coaching vor der gesamten Ausbildungsgruppe, eine anspruchsvolle Form der Prüfung, aber mit einer entscheidenden Einschränkung: Man konnte sich die Intervention selbst aussuchen. Für den Abschluss reichte es, eine einzige Methode wirklich sicher zu beherrschen.

    Aber als ich in realen Coaching-Situationen saß, mit echten Klienten und echten Anliegen, zeigte sich etwas Unerwartetes: Von den 20 Interventionen beherrschte ich vielleicht drei oder vier wirklich sicher. Der Rest war Wissen, das ich kannte, aber nicht Können, das ich verlässlich abrufen konnte.

    Und hier ist eine Besonderheit des Coaching-Handwerks, die ich damals unterschätzt habe: Die Notwendigkeit, viele Techniken zu beherrschen, ergibt sich nicht aus der Vielfalt der Themen. Grundsätzlich lässt sich nahezu jedes Anliegen mit jeder Methode bearbeiten. Die Notwendigkeit ergibt sich aus der Vielfalt der Menschen. Unterschiedliche Klienten haben unterschiedliche Affinitäten dafür, auf welche Art sie am besten zugänglich sind. Eine analytische Führungskraft, die Klarheit über Prioritäten sucht, profitiert möglicherweise von einer strukturierten Timeline-Arbeit. Ein Klient, der unter innerem Druck steht, öffnet sich vielleicht erst über Parts-Work oder eine körperorientierte Methode. Wieder andere brauchen die Bildhaftigkeit hypnotischer Sprache, um in Kontakt mit sich selbst zu kommen.

    Wenn ich aber nur drei oder vier Techniken sicher beherrsche, kann ich nur einen Bruchteil der Klienten optimal erreichen. Die anderen bekommen das, was mir zur Verfügung steht, nicht das, was ihnen am besten entspricht.

    Das war eine unbequeme Erkenntnis. Sie widersprach meinem Selbstbild als frisch ausgebildeter Coach. Aber sie war eindeutig: Wenn eine Situation nach einer Methode verlangte, die nicht zu meinen drei oder vier verlässlichen Werkzeugen gehörte, stand ich vor einer Wahl. Entweder ich griff umständlich zu meinen Unterlagen, unterbrach damit den Fluss der Sitzung und nahm dem Prozess seine Kraft. Oder ich blieb bei dem, was ich sicher konnte, und ließ Möglichkeiten liegen, die dem Klienten vielleicht besser gedient hätten.

    Beides fühlte sich nicht richtig an.

    Die Entscheidung, noch einmal zu lernen

    Ich habe einige Wochen mit dieser Erkenntnis gelebt. Und dann eine Entscheidung getroffen, die manche ungewöhnlich finden: Ich habe die gesamte Ausbildung noch einmal gemacht. In Form einer sogenannten Expert-Level-Ausbildung, bei der ich als zweiter Ausbilder der nachfolgenden Gruppe den kompletten Kurs ein zweites Mal durchlaufen habe.

    Das bedeutete: Jedes Wochenende, jedes Modul, jede Intervention noch einmal. Diesmal allerdings mit einer völlig anderen Brille. Nicht mehr als Teilnehmer, der lernt, was es gibt, sondern als jemand, der bereits weiß, was es gibt, und sich nun fragt, wie man es wirklich beherrscht.

    Der Unterschied war immens. In der ersten Runde ging es darum, die Methoden zu verstehen. In der zweiten Runde ging es darum, sie zu verinnerlichen. Zu sehen, wie erfahrene Coaches sie einsetzen. Zu beobachten, wann sie welche Intervention wählen, und warum. Das, was mir in der ersten Runde wie eine ordentliche Sammlung von Werkzeugen erschienen war, erwies sich in der zweiten Runde als ein vernetztes Ganzes, in dem jede Methode ihren Platz und ihre spezifischen Anwendungsvoraussetzungen hat.

    Die vier Stufen des Lernens

    Was ich in dieser zweiten Runde durchlaufen habe, lässt sich gut mit einem Modell aus der Entwicklungspsychologie beschreiben: den vier Stufen des Lernens (auch Kompetenzstufenentwicklung genannt). Das Modell geht auf Noel Burch von Gordon Training International zurück, der es in den 1970er Jahren entwickelt hat, und beschreibt, wie Menschen neue Kompetenzen erwerben.

    Stufe 1: Unbewusste Inkompetenz. Ich weiß nicht, was ich nicht weiß. Bevor ich von der Existenz systemischer Coaching-Methoden überhaupt gehört hatte, konnte ich sie nicht vermissen. Das ist die Phase, in der man sich oft überschätzt, man kennt die Tiefe des Fachs nicht und ahnt nicht, was alles möglich wäre.

    Stufe 2: Bewusste Inkompetenz. Ich weiß, was ich nicht kann. Das ist die unbequeme Phase nach der ersten Ausbildung. Ich hatte 20 Methoden kennengelernt, und mir war schmerzlich bewusst, dass ich 16 davon nicht sicher beherrschte. Diese Phase ist frustrierend, aber sie ist der Anfang echten Lernens. Man kann nichts verbessern, was man nicht als verbesserungswürdig erkannt hat.

    Stufe 3: Bewusste Kompetenz. Ich kann es, wenn ich mich konzentriere. In der zweiten Runde habe ich diese Stufe bei immer mehr Interventionen erreicht. Ich konnte sie einsetzen, aber ich musste bewusst überlegen, wann und wie. Mein Kopf war mit der Methode beschäftigt, nicht nur mit dem Klienten. Das ist eine wichtige Stufe, aber sie reicht für gutes Coaching nicht aus. Ein Klient merkt, wenn der Coach kognitiv mit seiner Technik ringt, statt präsent zu sein.

    Stufe 4: Unbewusste Kompetenz. Ich kann es, ohne darüber nachzudenken. Die Methoden sind so verinnerlicht, dass sie im richtigen Moment von selbst zur Verfügung stehen. Ich muss nicht mehr überlegen, welche Intervention zu welcher Situation passt, sie ergibt sich aus dem, was der Klient sagt, aus meiner Wahrnehmung, aus dem, was der Moment verlangt. Die Auswahl der Intervention wird intuitiv. Das Fragen wird intuitiv. Meine Aufmerksamkeit ist vollständig beim Klienten, nicht bei meinem eigenen Werkzeugkasten.

    Was das für die Coaching-Praxis bedeutet

    Heute, nach der zweiten Runde und mit inzwischen über 1.000 Coaching-Stunden in der Praxis, traue ich mich zu sagen: Ich kann es. Nicht im Sinne von Perfektion, Coaching ist ein Handwerk, in dem man nie auslernt. Aber im Sinne unbewusster Kompetenz: Die Methoden stehen zur Verfügung, wenn der Moment sie braucht, ohne dass ich sie aktiv abrufen muss.

    Für meine Klienten bedeutet das zweierlei:

    Präsenz statt Technik. Wenn ich nicht mehr über die Methode nachdenken muss, bin ich ganz beim Klienten. Ich höre genauer zu, nehme mehr wahr, bin flexibler in der Reaktion. Das ist der eigentliche Unterschied zwischen einem Coach, der sein Handwerk kennt, und einem, der es beherrscht.

    Intuitive Auswahl. Die richtige Intervention ergibt sich aus dem Kontakt mit dem Klienten, nicht aus einer gedanklichen Checkliste. Manchmal ist eine strukturierte Methode wie das Wheel of Life das Passende. Manchmal ein Perspektivwechsel. Manchmal eine Arbeit mit inneren Anteilen. Manchmal eine körperorientierte oder bildhafte Intervention. Der Klient bekommt das, was zu ihm passt, nicht das, was dem Coach im Kopf gerade präsent ist.

    Was ich daraus für meine Arbeit mit Führungskräften mitnehme

    Die Erfahrung der zweiten Ausbildung hat mich auch als Coach verändert, wenn ich mit Führungskräften arbeite. Ich begegne dort regelmäßig der Stufe der unbewussten Inkompetenz, Menschen, die in neue Rollen kommen und nicht wissen, was sie nicht wissen. Ich sehe die Frustration der bewussten Inkompetenz, wenn jemand erkennt, was ihm noch fehlt. Und ich sehe die Erleichterung, wenn bewusste Kompetenz sich schließlich in unbewusste verwandelt und Führung nicht mehr anstrengend fühlt, sondern natürlich.

    Das Modell hilft in Coaching-Gesprächen, weil es Lernprozesse entdramatisiert. Die bewusste Inkompetenz fühlt sich wie Scheitern an, ist aber in Wahrheit Fortschritt. Die bewusste Kompetenz fühlt sich nach ewiger Anstrengung an, ist aber die notwendige Vorstufe zur Souveränität.

    Und vielleicht noch eine Einsicht, die ich selbst erst durch die zweite Runde verstanden habe: Es gibt keinen Shortcut von Stufe 1 zu Stufe 4. Keine Methode, keine Ausbildung, keine Gabe der Welt erlaubt es, die Mühen der bewussten Kompetenz zu überspringen. Es gibt nur die Bereitschaft, die Stufen wirklich zu durchlaufen, oder die Illusion, es schon zu können.

    Ich bin froh, dass ich mich damals für den längeren Weg entschieden habe.

    Besonders relevant für

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