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    Emotionale Trigger: Echos der Vergangenheit

    Manche Reaktionen sind zu groß für den Anlass: eine Drei wird mit einer Hundert beantwortet. Internal Family Systems erklärt, warum schützende Anteile alte Wunden verteidigen, und wie Führungskräfte ihre eigenen Trigger erkennen, statt sie ihren Teams aufzuladen.

    Bleistiftzeichnung: Eine Frau steht am Fenster, hinter ihr in einer Reihe ihre jüngeren Versionen bis zurück zum Kind, die in einen langen Flur führen.
    Echos der Vergangenheit. Wer heute reagiert, ist selten allein. Hinter einer 100 auf eine 3 stehen oft jüngere Anteile, die längst gelernt haben, sich zu schützen.
    April 20264 Min. Lesezeit

    Kennen Sie das? Ein Kollege macht eine beiläufige Bemerkung in einem Meeting, und jemand reagiert, als hätte man ihm den Boden unter den Füßen weggezogen. Eine Führungskraft bekommt eine sachliche Rückmeldung zu einem Projekt, und fährt hoch, als stünde ihre gesamte Kompetenz in Frage. Ein Teammitglied wird gebeten, eine Aufgabe abzugeben, und reagiert, als würde man ihm alles wegnehmen.

    Von außen betrachtet wirken solche Reaktionen unverhältnismäßig. Und genau das sind sie auch, gemessen am aktuellen Anlass. Aber sie sind vollkommen verhältnismäßig, wenn man versteht, worauf sie eigentlich antworten.

    Warum kleine Anlässe große Reaktionen auslösen

    Stellen Sie sich vor, ein Kind erlebt eine Situation, die es zutiefst verletzt. Vielleicht wird es beschämt, übersehen, oder in einem Moment der Hilflosigkeit allein gelassen. Die emotionale Wucht dieser Erfahrung, nennen wir sie eine 100, ist für das Kind überwältigend. Es entwickelt eine Reaktion, die der Stärke 100 entspricht: Rückzug, Wut, Anpassung, Kontrolle. Was auch immer in diesem Moment hilft, zu überleben.

    Jahre oder Jahrzehnte später sitzt dieses Kind als Erwachsener in einem Meetingraum. Jemand sagt etwas, das eine ferne Ähnlichkeit mit der alten Situation hat. Vielleicht ein bestimmter Tonfall. Vielleicht das Gefühl, nicht gesehen zu werden. Vielleicht eine Bewertung, die an eine frühere Beschämung erinnert. Der aktuelle Anlass ist eine 3, eine Kleinigkeit, sachlich betrachtet.

    Aber die Reaktion ist keine 3. Die Reaktion ist eine 100.

    Was passiert ist: Der aktuelle Reiz hat ein altes Echo aktiviert. Das Nervensystem unterscheidet in diesem Moment nicht zwischen damals und heute. Es erkennt ein Muster und fährt das volle Programm hoch, die gesamte emotionale Reaktion von damals, mit der gesamten Intensität von damals. Das hat selten mit Überempfindlichkeit zu tun. Es ist ein innerer Anteil, der die alte Verletzung immer noch schützt.

    Was das für den Umgang miteinander bedeutet

    Wenn wir bei einem Gegenüber eine Reaktion erleben, die uns unverhältnismäßig vorkommt, stehen wir vor einer Wahl.

    Die erste Option ist, die Reaktion an ihrem Nennwert zu messen: übertrieben, unangemessen, unprofessionell. Das ist die naheliegende Bewertung, und sie fühlt sich oft berechtigt an.

    Die zweite Option ist, einen Moment innezuhalten und sich zu fragen: Was, wenn ich hier gerade nicht die Reaktion auf meine Bemerkung sehe, sondern das Echo einer Erfahrung, die ich nicht kenne?

    Es gibt einen Satz, der oft Robin Williams zugeschrieben wird, auch wenn sich der Ursprung nicht eindeutig belegen lässt und die Idee vermutlich viel älter ist:

    „Everyone you meet is fighting a battle you know nothing about. Be kind. Always."

    Ich finde, das ist die beste Haltung, die man solchen Momenten entgegenbringen kann. Nicht Nachgiebigkeit. Nicht das Akzeptieren von allem. Sondern die Bereitschaft, hinter einer Reaktion mehr zu vermuten als das, was an der Oberfläche sichtbar ist.

    Die IFS-Perspektive: Schützende Anteile

    In der Arbeit mit Internal Family Systems (IFS) gibt es eine Erklärung für dieses Phänomen, die ich in meinem Coaching als sehr hilfreich erlebe.

    IFS geht davon aus, dass unsere Psyche aus verschiedenen inneren Anteilen besteht. Wenn ein Mensch in der Vergangenheit eine schmerzhafte Erfahrung gemacht hat, übernehmen bestimmte Anteile eine Schutzfunktion. Sie sorgen dafür, dass sich die alte Verletzung nicht wiederholt. Diese Beschützer sind wachsam, schnell und kraftvoll, weil sie es sein mussten.

    Das Problem: Sie unterscheiden nicht präzise zwischen einer echten Bedrohung und einem oberflächlichen Trigger. Für den schützenden Anteil fühlt sich die 3 an wie eine 100, weil er die 100 von damals nie verarbeitet hat. Er reagiert nicht auf die aktuelle Situation, er reagiert auf die alte.

    Das ist eine Schutzstrategie, die einmal ihren Zweck hatte und nie aktualisiert wurde.

    Was ich in meinem Coaching damit erlebe

    In der Arbeit mit Führungskräften begegnen mir diese Muster regelmäßig. Hoher Druck, Sichtbarkeit und Bewertungssituationen liefern genau die Trigger, die alte Echos aktivieren.

    Einige Beispiele, die ich immer wieder sehe:

    Eine Führungskraft, die bei kritischem Feedback sofort in den Gegenangriff geht, weil ein innerer Anteil gelernt hat, dass Kritik Gefahr bedeutet.

    Ein Manager, der Kontrolle nicht abgeben kann, weil ein Teil in ihm Kontrollverlust mit Schutzlosigkeit gleichsetzt.

    Eine Gründerin, die bei Konflikten sofort nachgibt, weil ein Anteil gelernt hat, dass Harmonie die einzige Strategie ist, um sicher zu sein.

    In all diesen Fällen liegt die Lösung nicht darin, das Verhalten einfach zu ändern. Willenskraft allein reicht nicht, wenn ein Schutzmechanismus aktiv ist, der stärker ist als der Vorsatz. Die Lösung liegt darin, den schützenden Anteil zu verstehen, seine Funktion zu würdigen, und ihm gemeinsam eine neue Rolle zu geben, die zur heutigen Realität passt.

    Was das für Sie bedeuten kann

    Ob als Führungskraft, als Kollegin, als Partner, die Erkenntnis, dass emotionale Reaktionen oft Echos sind und keine Antworten auf das Hier und Jetzt, verändert den Umgang miteinander.

    Sie verändert, wie wir auf scheinbar überzogene Reaktionen anderer blicken: mit mehr Gelassenheit und weniger Urteil.

    Sie verändert, wie wir mit den eigenen unverhältnismäßigen Momenten umgehen: mit Neugier statt mit Selbstkritik.

    Und sie verändert, welche Frage wir uns stellen. Nicht mehr: Was stimmt mit diesem Menschen nicht? Sondern: Was hat dieser Mensch erlebt, das ich nicht kenne?

    Be kind. Always.

    Weiterführendes

    Häufige Fragen

    Warum reagieren manche Menschen so heftig auf scheinbar Kleinigkeiten?
    Weil die aktuelle Situation ein altes emotionales Echo aktiviert. Das Nervensystem unterscheidet nicht zwischen damals und heute, es erkennt ein Muster und fährt das volle Programm hoch.
    Was sind schützende Anteile in IFS?
    Schützende Anteile (Beschützer) sind innere Anteile, die nach einer schmerzhaften Erfahrung die Aufgabe übernommen haben, eine Wiederholung der Verletzung zu verhindern. Sie sind wachsam, schnell und kraftvoll, und reagieren oft auch auf oberflächliche Trigger mit voller Wucht.

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