Behelfsausfahrt: Stress und alte Muster
Im Stress fällt zurück, wer im Coaching schon weiter war. Alte Reaktionsmuster sind die Autobahn, neues Verhalten nur eine schmale Behelfsausfahrt. Die vier Kompetenzstufen nach Noel Burch zeigen, warum das Vorbeifahren kein Scheitern ist.

Eine Klientin kommt in die Sitzung und ist ein wenig mit sich selbst unzufrieden. Sie hatte sich im Coaching vorgenommen, in Konfliktsituationen anders zu reagieren. Wir hatten gemeinsam geübt, wie sie den Dreifach-Puffer einsetzen kann: einen kurzen inneren Moment des Innehaltens, bevor eine Reaktion folgt. Atmen, neutralisieren, eine Frage stellen. Sie weiß, dass es ihr guttut. Sie kennt das Prinzip. Und dann, mitten im Gespräch, als ihr Gegenüber etwas sagt, das sich wie ein Angriff anfühlt, ist alles weg. Keine Pause. Keine Technik. Nur die alte, schnelle Reaktion.
Wie konnte das passieren?
Warum alte Reaktionsmuster im Stress gewinnen
Unser Nervensystem liebt Effizienz. Alles, was wir oft genug getan haben, wird zu einer Art innerer Autobahn: eine breite, gut ausgebaute Trasse, auf der Reiz und Reaktion in Sekundenbruchteilen aneinander anschließen. Jemand sagt etwas Verletzendes, und wir beschleunigen. Die Emotion schießt an, der vertraute Gedanke folgt, die gewohnte Antwort ist schon auf den Lippen.
In meinem Artikel Erst der Gedanke, dann das Gefühl beschreibe ich die Mechanik dahinter: Zwischen jedem Ereignis und unserem Gefühl liegt ein Gedanke, oft so schnell und so automatisch, dass wir ihn nicht bemerken. René Diekstra nennt das im 5G-Modell den Schritt von der Gebeurtenis (dem Ereignis) zur Gedachte (dem Gedanken). Auf der Autobahn des Gewohnten verschmelzen diese Schritte zu einem einzigen Reflex. Der Gedanke ist so vertraut, dass er unsichtbar wird.
Auf dieser Autobahn fahren wir schnell. Viel zu schnell, um eine kleine, kaum sichtbare Behelfsausfahrt zu bemerken, die wir im Coaching gebaut haben.
Diese Ausfahrt ist neu. Sie ist schmal. Und sie liegt ein Stück vor dem Punkt, an dem wir normalerweise auf Autopilot schalten. Wer mit hundert Sachen drüber brettert, sieht sie nicht, oder sieht sie erst, wenn er schon längst vorbei ist. Man guckt dann kurz in den Rückspiegel und denkt: Ach, da wäre sie gewesen.
Vorbeifahren ist kein Scheitern
Hier liegt ein Missverständnis, das ich in Coaching-Sitzungen immer wieder auflösen darf: Das Vorbeifahren an der neuen Ausfahrt bedeutet nicht, dass das Coaching nicht funktioniert. Es bedeutet, dass das Gehirn noch dabei ist, neue neuronale Verbindungen zu festigen. Das braucht Zeit, Wiederholung und vor allem das bewusste Bemerken des Moments danach.
Denn irgendwann, und das ist ein echter Wendepunkt, fährt man vorbei, schaut in den Spiegel und denkt: Da war sie. Die Ausfahrt. Diesmal habe ich sie wieder nicht genommen. Aber ich habe sie gesehen.
Genau dort beginnt echte Veränderung.
Die vier Stufen des Lernens
Was hier passiert, beschreiben die vier klassischen Kompetenzstufen, die auf den amerikanischen Psychologen Noel Burch zurückgehen. In meinem Artikel Warum ich meine Coaching-Ausbildung zweimal gemacht habe beschreibe ich diese Stufen aus meiner eigenen Erfahrung. Im Kontext der Autobahn-Metapher zeigen sie sich so:
Am Anfang steht die unbewusste Inkompetenz. Wir wissen nicht, dass wir eine bestimmte Reaktion zeigen, und wir wissen auch nicht, dass es anders ginge. Die Autobahn existiert, aber wir kennen sie gar nicht als Autobahn. Sie ist einfach die einzige Straße, die wir kennen.
Im Coaching verschiebt sich das. Wir werden bewusst inkompetent: Wir erkennen das Muster, wir verstehen den Mechanismus, wir haben eine Idee davon, wie es anders gehen könnte. Aber im Stress ist das Wissen noch nicht verankert genug, um spontan abzurufen. Wir sehen die Behelfsausfahrt erst im Nachhinein. Genau das ist meiner Klientin passiert, und es ist der normalste Schritt im Lernprozess.
Mit wachsender Übung entsteht bewusste Kompetenz. Wir bemerken den Reiz früh genug, halten inne, wählen bewusst. Die Ausfahrt wird breiter. Manchmal nehmen wir sie. Dann immer öfter. Es kostet noch Anstrengung, aber es gelingt. Im Dreifach-Puffer ist das der Moment, in dem der bewusste Atemzug tatsächlich stattfindet, bevor die Reaktion kommt.
Und schließlich, nach vielen Wiederholungen, nach echten Situationen, nach Rückschlägen und neuen Versuchen, wird aus der Behelfsausfahrt eine breite Abfahrt. Und irgendwann die Hauptstraße. Das neue Verhalten ist so vertraut geworden, dass es keiner bewussten Entscheidung mehr bedarf. Unbewusste Kompetenz. Die alte Autobahn? Sie liegt brach. Gras wächst durch den Asphalt. Bäume holen sich das Terrain zurück.
Was Führungskräfte daraus mitnehmen können
Diese Mechanik gilt für jede Verhaltensänderung in der Führungsrolle. Für die Führungskraft, die lernt, Aufgaben zu delegieren statt alles selbst zu machen. Für den Manager, der übt, in Meetings Fragen zu stellen statt Antworten zu geben. Für die Geschäftsführerin, die versucht, in Krisensituationen innezuhalten statt reflexartig zu entscheiden, wie ich es in meinem Artikel über Negative Capability beschreibe.
In meinem Artikel über das Reifegradmodell beschreibe ich, warum Führungskräfte oft nur einen einzigen Führungsstil nutzen, meist Delegieren, weil er am bequemsten ist. Die Autobahn-Metapher erklärt, warum das so ist: Der gewohnte Stil ist die breite Trasse. Einen anderen Stil zu wählen, situativ zu dirigieren oder zu partizipieren statt zu delegieren, ist die Behelfsausfahrt, die erst durch bewusstes Üben zur neuen Gewohnheit wird.
Niemand wechselt sein Reaktionsmuster, weil er einmal darüber nachgedacht hat. Kein Mensch baut eine neue neuronale Straße durch einen einzigen Entschluss. Was zählt, ist das Bemerken: zuerst nur im Nachhinein, dann immer früher, bis man schließlich rechtzeitig bremst.
Und wenn die Ausfahrt wieder verpasst wird?
Wenn meine Klientin in die nächste Sitzung kommt und sagt, sie habe die Behelfsausfahrt schon wieder verpasst, dann sage ich ihr: Gut. Das bedeutet, dass sie existiert. Und dass Sie sie gesehen haben, wenn auch erst hinterher. Das nächste Mal kommt sie ein paar Meter früher in Ihr Sichtfeld. Bis Sie irgendwann schon von weitem wissen: Da ist meine Ausfahrt. Ich biege ab.
Wer die Behelfsausfahrt verpasst hat, weiß, dass sie existiert. Und sieht sie beim nächsten Mal ein paar Meter früher.
Weiterführendes
- Vier Stufen der Kompetenz nach Noel Burch (Wikipedia) – Das Lernmodell hinter der Behelfsausfahrt-Metapher.
Häufige Fragen
- Warum vergessen wir im Stress, was wir im Coaching gelernt haben?
- Eingeübte Reaktionen sind im Nervensystem als breite, schnelle Bahnen verankert. Neues Verhalten ist anfangs nur eine schmale Behelfsausfahrt, die erst durch Wiederholung sichtbar und schließlich zur neuen Hauptstraße wird. Das Vorbeifahren an der Ausfahrt ist kein Scheitern, sondern ein normaler Schritt im Lernprozess.
- Was sind die vier Kompetenzstufen nach Noel Burch?
- Unbewusste Inkompetenz, bewusste Inkompetenz, bewusste Kompetenz und unbewusste Kompetenz. Verhaltensänderung läuft selten linear, sondern in Wellen durch diese Stufen. Wer sie kennt, deutet Rückschläge nicht als Versagen, sondern als Zwischenstation.
- Wie erkenne ich, dass sich etwas verändert?
- Daran, dass die alte Reaktion zwar noch kommt, aber im Nachhinein bemerkt wird – mit dem Gedanken: ‚Da wäre die Ausfahrt gewesen.‘ Genau dieser Moment des Bemerkens ist der Wendepunkt. Beim nächsten Mal taucht die Ausfahrt ein paar Meter früher im Sichtfeld auf.
Diesen Beitrag offline lesen oder weitergeben?
Verwandte Beiträge
„Ich möchte" statt „Man müsste"
Ein einziges Wort entscheidet, ob aus einem Wunsch eine Handlung wird. Wer „man müsste" sagt, hat sich aus dem eigenen Anliegen herausgeschlichen. „Ich möchte" holt die Verantwortung, und damit die Wirksamkeit, zurück.
Emotionale Trigger: Echos der Vergangenheit
Manche Reaktionen sind zu groß für den Anlass: eine Drei wird mit einer Hundert beantwortet. Internal Family Systems erklärt, warum schützende Anteile alte Wunden verteidigen, und wie Führungskräfte ihre eigenen Trigger erkennen, statt sie ihren Teams aufzuladen.