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    Burnout-Coaching: Die Grauzone zur Therapie

    Wo endet Erschöpfung, wo beginnt Depression? Im Executive Coaching liegt diese Grenze selten dort, wo der Klient sie zieht. Ein offener Erfahrungsbericht über die Grauzone zur Therapie und über die Verantwortung, sie zu erkennen, bevor sie überschritten ist.

    Bleistiftzeichnung: Eine Hand schützt eine kleine, fast heruntergebrannte Kerze vor dem Verlöschen, ein Sinnbild für Burnout-Coaching an der Grenze zur Therapie.
    Die Flamme schützen, bevor sie erlischt. Burnout-Coaching beginnt dort, wo es noch etwas zu schützen gibt.
    Februar 20265 Min. Lesezeit

    Es gibt einen Moment in der Coaching-Praxis, über den selten offen gesprochen wird. Es ist der Moment, in dem man als Coach spürt, dass der Mensch, der einem gegenübersitzt, möglicherweise nicht mehr im Bereich des Coaching zu begleiten ist, sondern im Bereich der Therapie.

    Ich möchte von einem solchen Moment erzählen. Und davon, warum ich mich trotzdem entschieden habe zu coachen.

    Was Coaches dürfen, und was nicht

    Zunächst der fachliche Rahmen: Coaches sind keine Therapeuten. Wir arbeiten mit Menschen, die psychisch gesund sind. Das ist keine weiche Empfehlung, es ist eine professionelle Grenze, die in der Coaching-Ausbildung klar vermittelt wird. Coaching setzt voraus, dass der Klient in der Lage ist, eigenverantwortlich an seinen Themen zu arbeiten. Sobald eine psychische Erkrankung im klinischen Sinne vorliegt, eine Depression, eine Angststörung, eine Traumafolgestörung, gehört der Mensch in die Hände eines ausgebildeten Therapeuten.

    Das klingt in der Theorie eindeutig. In der Praxis ist es alles andere als das.

    Denn Menschen, die sich an einen Coach wenden, kommen selten mit einer Diagnose. Sie kommen mit dem Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Dass die Energie nicht mehr reicht. Dass die Arbeit, die ihnen einmal Freude gemacht hat, nur noch Last ist. Dass sie morgens kaum noch aus dem Bett kommen. Und sie sagen: Ich glaube, ich habe ein Burnout.

    Burnout und Depression: Näher als man denkt

    An dieser Stelle ist ein ehrlicher Blick auf das Verhältnis von Burnout und Depression wichtig. Denn hinter dem gesellschaftlich verträglichen Begriff „Burnout" verbirgt sich oft eine Realität, die klinisch betrachtet einer Depression entspricht.

    Burnout ist in der ICD-11, dem internationalen Klassifikationssystem der WHO, nicht als eigenständige Erkrankung anerkannt. Es wird unter dem Code QD85 als Syndrom geführt, als „Folge von chronischem Stress am Arbeitsplatz, der nicht erfolgreich verarbeitet werden kann". Es ist damit eine sogenannte Zusatzdiagnose: Ärzte können es an eine bestehende Diagnose anhängen, etwa „Depression bei Burnout". Aber Burnout allein ist keine Krankheit im medizinischen Sinne.

    Depression hingegen ist eine klar definierte psychische Erkrankung, mit anerkannten Diagnosekriterien, Behandlungsleitlinien und einer langen Forschungsgeschichte.

    Das Problem: Die Symptome überlappen sich erheblich. Erschöpfung, Antriebslosigkeit, Interessenverlust, Zynismus, Rückzug, Schlafstörungen, all das kann sowohl auf Burnout als auch auf eine Depression hindeuten. In vielen Fällen liegen beide gleichzeitig vor. Ulrich Hegerl, der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Deutschen Depressionshilfe, hat es einmal treffend formuliert: Hinter schweren Fällen von Burnout steckt oft eine klassische Depression. Der Begriff Burnout macht es Betroffenen aber leichter, Hilfe zu suchen, weil er mit Leistung und Engagement assoziiert ist, nicht mit Krankheit und Schwäche.

    Das ist die gesellschaftliche Funktion des Begriffs: Burnout gibt einer Depression ein Gesicht, das man zeigen kann, ohne sich zu schämen. Das ist einerseits hilfreich, weil es die Hemmschwelle senkt, sich Unterstützung zu holen. Andererseits kann es dazu führen, dass eine behandlungsbedürftige Depression nicht als solche erkannt wird, weil alle Beteiligten lieber von Burnout sprechen.

    Als Coach steht man genau in dieser Grauzone.

    Die Geschichte von Paul

    Ich nenne ihn Paul, der Name ist anonymisiert. Paul kam zu mir mit dem Wunsch, an seiner beruflichen Situation zu arbeiten. Er war Führungskraft, er funktionierte gut in seinem Alltag, doch er spürte, dass ihm vieles weniger leicht fiel als früher. Im Orientierungsgespräch zeigte sich rasch, dass hier mehr im Raum stand als eine rein berufliche Neuorientierung.

    Es gab Anzeichen, die mich aufmerksam machten: die Art, wie er über seinen Alltag sprach. Eine spürbare Erschöpfung, die über die übliche berufliche Belastung hinausging. Eine Nachdenklichkeit, die mich aufhorchen ließ.

    Ich stand vor einer Entscheidung, die jeder Coach kennt, der mit Führungskräften arbeitet: Nehme ich diesen Klienten an, oder verweise ich ihn an einen Therapeuten?

    Die Entscheidung fiel nicht leicht. Ich habe sie mir bewusst gegeben und mehrere Faktoren abgewogen: Wie stabil wirkt Paul? Gibt es akute Hinweise auf eine Krise, die sofortige therapeutische Intervention erfordert? Ist er in der Lage, aktiv an Themen zu arbeiten? Und: Gibt es die Möglichkeit, Coaching und therapeutische Begleitung parallel laufen zu lassen?

    Ich habe mich entschieden, Paul zu coachen.

    Die Arbeit

    Die Coaching-Reise mit Paul war intensiv. Wir haben mit seinen inneren Anteilen gearbeitet, mit dem inneren Team, um ihm Verhaltensstrukturen aufzuzeigen, die er selbst nicht mehr sehen konnte. Wir haben Teile von ihm sichtbar gemacht, die seit langer Zeit im Verborgenen agierten: Beschützer, die ihn am Laufen hielten, aber gleichzeitig erschöpften. Innere Stimmen, die ihm sagten, dass Aufhören keine Option sei.

    Es waren keine leichten Sitzungen. Aber Paul war bereit, hinzuschauen. Und mit jeder Sitzung gewann er etwas zurück, das er verloren geglaubt hatte: Zugang zu sich selbst.

    Ich habe während des gesamten Prozesses darauf geachtet, ob die Grenze zum therapeutischen Bereich überschritten wird. Es gibt Momente, in denen ich als Coach innehalte und mich frage: Ist das noch mein Terrain? Diese Wachsamkeit ist keine Schwäche, sie ist Teil der professionellen Verantwortung.

    Das Ende der Reise, und ein Brief

    Am zwischenzeitlichen Ende unserer gemeinsamen Coaching-Reise fragte mich Paul, ob er mir etwas schicken dürfe. Ich sagte, das sei nicht nötig.

    Einige Tage später hatte ich ein Paket in der Post. Darin: eine 7"-Single des Sängers Clueso. Das Lied „Neuanfang". Vom Künstler signiert. Im Cover lag ein handgeschriebener Brief. Der letzte Satz lautete:

    „Danke für meinen Neuanfang."

    Ich schreibe das nicht, um mich als Coach zu feiern. Ich schreibe es, weil dieser Moment mich daran erinnert hat, warum die schwierige Entscheidung am Anfang die richtige war. Und weil er zeigt, was möglich ist, wenn man als Coach das Fingerspitzengefühl aufbringt, in der Grauzone verantwortungsvoll zu handeln, statt reflexhaft abzulehnen.

    Was ich daraus gelernt habe

    Aus der Arbeit mit Paul und ähnlichen Klienten habe ich einige Grundsätze entwickelt, die mich seitdem leiten:

    Coaching und Therapie sind kein Entweder-oder. In manchen Fällen laufen beide parallel, und das ist nicht nur akzeptabel, sondern sinnvoll. Der Therapeut arbeitet an der klinischen Ebene, der Coach an der beruflichen und persönlichen Entwicklung. Ich erlebe diese Konstellation regelmäßig und halte sie für eine der wirksamsten Formen der Begleitung.

    Die Grenze ist nicht immer eine Linie, manchmal ist sie ein Raum. Zwischen „eindeutig gesund" und „eindeutig krank" liegt eine breite Grauzone, in der die meisten Menschen leben, die mit Burnout-Themen kommen. In dieser Grauzone kann Coaching enormen Wert stiften, wenn der Coach wachsam bleibt und bereit ist, den Klienten weiterzuverweisen, sobald es nötig wird.

    Das Fingerspitzengefühl ist nicht delegierbar. Kein Diagnose-Schema kann die Entscheidung abnehmen, ob ein konkreter Mensch in einem konkreten Moment coachbar ist oder nicht. Diese Einschätzung erfordert Erfahrung, Empathie und die Bereitschaft, im Zweifelsfall nein zu sagen, auch wenn der Klient dringend Hilfe sucht.

    Menschen zurückweisen ist nicht immer die verantwortungsvollste Entscheidung. Manchmal ist die verantwortungsvollere Entscheidung, den Menschen anzunehmen, mit klaren Augen, mit klaren Grenzen und mit dem Wissen, dass man den Klienten jederzeit weitergeben kann und muss, wenn die Situation es erfordert.

    Paul begleite ich noch immer.

    Weiterführendes

    Häufige Fragen

    Ist Burnout das Gleiche wie eine Depression?
    Nein. Burnout ist in der ICD-11 als Syndrom geführt (QD85), nicht als eigenständige Erkrankung. Hinter schweren Burnout-Fällen steckt jedoch oft eine klassische Depression. Die Symptome überlappen sich erheblich.
    Wann sollte ein Coach an einen Therapeuten verweisen?
    Sobald Anzeichen einer behandlungsbedürftigen psychischen Erkrankung vorliegen. Coaches arbeiten mit psychisch gesunden Menschen. Bei einer Depression, Angststörung oder Traumafolgestörung gehört der Mensch in therapeutische Begleitung, idealerweise parallel zum Coaching.

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